Presse

Hund & Herrl

Christian Seiler Quelle: KURIER Freizeit Beilage 11.März.2011

Bruno, der Hund, bei dem mein Hund Barolo regelmäßig zu Gast war, hat sich verabschiedet. Nicht, dass es überraschend gekommen wäre, er war immerhin im siebzehnten Jahr. Aber Abschiede sind, sobald sie vollzogen werden, immer erstaunlich. Erstaunlich schmerzhaft, erstaunlich still, erstaunlich erstaunlich. Der Bruno und der Barolo waren nicht die besten Freunde. Sie bestanden zum Beispiel darauf, nacheinander und nicht miteinander spazieren geführt zu werden, was der Fitness von Brunos Chefin zugute kam. Aber dass der Bruno jetzt gar nicht mehr da ist und aus dem Nebenzimmer knurrt, wenn die Chefin dem Barolo den Napf füllt, nein, das ist dem Barolo auch nicht recht. Wenn wir dieser Tage spazieren gehen, trottet der Barolo ein bisschen verzagt vor mir her und kümmert sich noch intensiver als sonst um die Ecken und Kanten der Stadttopografie, wo - wie sich bei frischem Schnee sehr anschaulich zeigt - allerhand andere Hunde ihre Markierung hinterlassen haben. Wenn wir über den Ring gehen, um ein Kaffeehaus unserer Wahl aufzusuchen, hält der Barolo dann manchmal inne und sagt betont lässig über einem dunklen Fleck auf der Straße: "Hier, das stammt vom Bruno", und er schlägt dabei denselben Tonfall an, wie ältere Herrschaften, die in der Zeitung die Todesanzeigen studieren und kopfschüttelnd murmeln, was, der Strnad, der war doch noch so jung, und wenn man dann nachschaut, wie jung der Strnad denn war, dann war er eh 81, es ist also alles relativ, und es hat alles seine Bedeutung, so wie dieser dunkle Fleck auf der Ringstraße, über dem vor ein paar Tagen noch der Bruno stand.

 

 

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Hund & Herrl

Christian Seiler Quelle: KURIER Freizeit Beilage 15.Jänner.2011

Ich ging mit meinem Hund Barolo quer durch die Innenstadt, um einen Besuch zu machen. Genau genommen würde der Barolo einen Besuch machen und sich für zwei Nächte bei der formidablen Frau Gabriele einmieten, und damit er seine Nahrungsgewohnheiten nicht abrupt umstellen musste, hatte ich ein elegantes Sackerl des im übrigen sehr empfehlenswerten Kochbuchladens "Babette" dabei, das randvoll mit Eukanuba-Knöpfen war, "Mature & Senior", wobei der Barolo eindeutig mehr senior als mature ist, aber das nur als Anmerkung des Leinenhalters, der vom Senior im Eilzugtempo über heimtückische Eisplatten gezerrt wird und im Gegensatz zu dessen Allradantrieb nur über profilfreie Ledersohlen verfügt. Als wir unser Ziel erreicht hatten, zuerst große Freude. Bekanntlich ist es das liebste Hobby meines Hundes, sich zu freuen, und wenn er die Frau Gabriele sieht, freut er sich extra. Sagen wir so: Ihren Nachbarn bleibt nicht verborgen, wenn der Barolo auf Besuch kommt. Dann fiel mein Blick auf den "Babette"-Sack: er war halbleer. Der Grund war schnell ermittelt, durch einen kleinen Riss an der Unterseite hatte jeweils ein Eukanuba-Knopf entkommen können, und auf der Straße lag jetzt eine unübersehbare Spur aus Hundefutter quer durch die Innenstadt, wie im Märchenwald von Hänsel und Gretel, und der Barolo war plötzlich sehr aufgeregt, ob ihn ein Märchenprinz oder eine schöne Prinzessin besuchen kommen würde. Aber dem kam der Boxermischling Bruno, Lebensgefährte der Frau Gabriele, zuvor. Er vernichtete beim abendlichen Spaziergang zum "Café Heumarkt" alle Spuren. "Märchenprinz", sagte er brummig, "bin ich selber." 

 

 

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Hund & Herrl

Christian Seiler Quelle: KURIER Freizeit Beilage 23.Juli.2010

Ich hatte eine barolofreie Wochenendreise eingeschoben und war wild entschlossen, sie zu genießen, als die erste SMS aus Wien eintraf. Es sei sehr heiß, stand darin zu lesen, Wien ein Hochofen, aber man selbst halte das aus und mein Hund Barolo auch. Ich musste mich sofort abkühlen gehen, aber das Gewissen begann mich zu drücken, und als früh am nächsten Morgen die nächste Nachricht eintraf, war es mit dem ruhigen Schlaf vorbei. Weil die Frau Gabi, Inhaberin der Hundepension Postsparkassa, hatte nachts um halb zwei das Gefühl, dass die Temperatur jetzt für einen kleinen Spaziergang mit dem Hund Barolo ideal sei, und der Hund Barolo teilte dieses Gefühl, er wurde sogar von einem euphorischen Schub durchströmt, der ihn mit neuen Kräften ausstattete, leider ausgerechnet in jenem Moment, als die Frau Gabi die Wohnungstür abschließen wollte. Der Barolo riss also an der Leine, an deren Ende die Frau Gabi gerade den Schlüssel ins Schloss steckte, dann machte die Frau Gabi einen Hupfer und der Schlüssel war ab. Kein Handy dabei, Haustor zugesperrt, halb zwei Uhr früh, wochentags. Erst in dieser Situation zeigt sich, liebe Kritiker der Wiener Volksabstimmung, wie hilfreich eine Hausmeisterin mit Schlafstörungen ist. Sie gewährte Asyl, auch dem bellenden Hund, verständigte den Schlüsseldienst, den der Hund zwei Stunden später bellend begrüßte, und in der Früh wussten eh schon alle, wie die Frau Gabi die Nacht verbracht hatte, und die Hausmeisterin hatte kein Wort tratschen müssen. Der Barolo war begeistert. Seine SMS lautete: "Schön warm hier. Und ein super Abendprogramm." 

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Hund & Herrl

Christian Seiler Quelle: KURIER Freizeit Beilage 27.Februar.201

Mein Hund Barolo kehrte von einem Erholungsausflug zurück und war schön wie nie zuvor. Sein Fell war gebürstet, es glänzte wie die untergehende Sonne im Meer, die Haare zwischen den Zehen waren geschnitten und es gab keine Aufmerksamkeit, die dem Tier nicht widerfahren war - der Barolo kam mir auch um die Leibesmitte ein bisschen energischer vor als zuletzt, aber vielleicht schloss ich ja bloß von mir auf andere. Als der Hund die heimatliche Schwelle übertrat, freute er sich wie gewöhnlich wie von Sinnen. Aber mir kam vor, dass er die Ecke, wo sein Napf steht, ein bisschen weniger von Sinnen wie sonst üblich beschnupperte, und den dicken Sack mit dem teuren Hundefutter für Senioren ignorierte er überhaupt. Normalerweise ist mein Hund mit dicken Säcken stark befreundet. Aber selbst, als ich ihm als Willkommensgruß ein kleines Schälchen mit kräftig duftender Kost in seinen Napf rieseln ließ, zuckte er bloß mit den Schultern und sah mich fragend an. „Was", fragte der Blick, „soll ich mit diesen Kügelchen anfangen? Ich bin keine Katze. Ich spiele nicht mit Murmeln." Der Barolo widerstand, auch als ich ihm etwas später den Napf bis auf Abendessenniveau anfüllt und die Kügelchen mit etwas Olivenöl besprengte, dafür zeigt sich mein Hund nämlich recht empfänglich. Er berührte aber bloß die Olivenölspritzer mit der Spitze seiner langen, rosa Zunge, dann seufzte er, ließ sich auf den Bauch fallen und träumte derart aufdringlich von seiner Vertreibung aus dem Paradies, dass ich sauer ins Bett ging. In der Früh lag der Hund am selben Platz, wo ich ihn abends zurückgelassen hatte. Nur der Napf war leer. Der Barolo war wieder zuhause.

 

 

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Hund & Herrl

Christian Seiler Quelle: KURIER Freizeit Beilage 18.Oktober.2008

Ich verborge meinen Hund Barolo über ein Wochenende, weil sich das Wochenende einbildet, dass ich es irgendwo verbringen muss, wo mein Hund Barolo nicht ist. Also gut. Ich packe meinem Hund den Koffer. Ich poliere seine Schüssel. Ich kaufe Trockenfutter von der besseren Sorte, damit Frau Gabriele, bei der mein Hund zu Besuch sein wird, nicht glaubt, das arme Vieh muss Geschmacksverstärker und Aromen fressen (-dabei, glaubt mir: mein Hund ist geradezu verrückt nach Geschmacksverstärkern). Ich dusche den Hund und bestäube ihn mit Parfüm, manche meiner Freunde sagen, er riecht dann besser. Ich präge ihm ein, bitte zu sagen, wenn er Durst hat, damit sie ihm die Klotür aufmachen kann, danke zu sagen, wenn sie ihm beim Frühstück die Zeitung überlässt, damit mein Hund die Wettervorhersage studieren kann - der Blick auf die kühler werdenden Tage macht dem Barolo so viel Spaß wie mir, wenn Rapid in der Tabelle acht Punkte Vorsprung vor der Austria hat. Als das Wochenende vorbei ist, kenn ich meinen Hund nicht mehr. Sein Fell glänzt nicht, es strahlt. Seine Schritte machen auf dem Parkettboden nicht mehr dieselben charakteristischen Geräusche, die Nägle sind geschnitten. Der Trockenfuttersack ist unberührt - wer füttert seinen Hund auch mit Tockenfutter, wenn man ihm etwas kochen kann ? Die Frau Gabriele berichtet nur das Beste über meinen Hund. Dabei schaut sie freilich mich ein wenig streng an, was ich aushalten könnte, hätte sich mein Hund diesen strengen Blick nicht augenblicklich abgeschaut ... okay okay, ich geh ja schon in die Küche .

 

 

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Hund & Herrl

Christian Seiler Quelle: KURIER Freizeit Beilage Oktober 2008

Während meiner Skiwoche im sonnigen Westen war eine optimistische SMS eingetroffen, "alles ok mit Barolo", aber als ich am letzten Ferientag in der Hundepension Gaby anrief, fiel mir der reservierte Optimismus der ansonsten kreuzfidelen Herbergsmutter auf, als ich nach dem Befinden meines Hundes fragte und nach dem ihren. Obwohl die Antwort "gut, sehr gut" lautete, hörte ich aus der Art und Weise, wie das Wort "gut" ausgesprochen wurde - sehr weiches g, fragend gedehntes u, teilnahmsloses t-, dass hier irgendetwas im Busch sein musste. Doch selbst als ich meinen gut aufgelegten Köter abholte, wollte die Frau Gaby nicht mit der Sprache herausrücken: "Lies meine E-Mail", sagte sie, und selbst als ich sämtliche Register von "kumpelhaft" bis "servil" zog, um darüber in Kenntnis gesetzt zu werden, was mein Hund Barolo denn angestellt hatte, blieb die Frau Gaby hart. Auskünfte nur schriftlich. Also grub ich folgenden Nachricht aus meiner Mailbox aus: "Barolo mutierte bei mir zum biologischen Wecker, aber natürlich zu keiner von mir voreingestellten Zeit! Er glaubte offenbar, das Erscheinen des Zeitungsverteilers bei meiner Nachbarin zu nachtschlafener Zeit lautstark melden zu müssen. Durch Schimpfen und Fluchen durch die geschlossene Tür war er nicht zum Verstummen zu bewegen, ich musste JEDE NACHT aus dem Bett steigen und ihm von Angesicht zu Angesicht meinen Unwillen ob des Getöses kundtun." Ebenfalls schriftlich also nun: Tut mir wirklich leid. Vielleicht müssen wir der Nachbarin statt der Zeitung einen Fernseher besorgen. 

 

 

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Hund & Herrl

Christian Seiler Quelle: KURIER Freizeit Beilage 30.12.2006

Auf Platz eins meiner Jahrescharts regiert die wunderbare Wiedererweckung meines Hundes Barolo. Magendrehung, Notoperation, Bangen um sein Leben, anschließende Gesundung und offensichtliche Gesamtverjüngung des Tieres: was für eine Berg- und Talfahrt der Gefühle, inkl, Happyend.
Platz zwei aus der Untersektion "Kompetente menschliche Wärme für Tiere": dass ich die wunderbare Frau Gaby von der Firma "Dogwalking" kennen lernte, die, sobald ich die Stadt Wien verlasse, die Kontrolle über den Bewegungsapparat meines Hundes übernimmt und diesen gemessenen Schrittes durch den Prater führt, zwei Stunden für ein minimales Entgelt [...] 

 

 

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Hund & Herrl

Christian Seiler Quelle: KURIER Freizeit Beilage 28.10.2006

Ich nehme professionelle Hilfe in Anspruch. Mein Hund Barolo wird, wenn ich für übergeordnete Wichtigkeiten von Flughafen zu Flughafen unterwegs bin, von einer dafür speziell geeigneten Dame namens Frau Gaby in den Prater ausgeführt, gute zwei Stunden lang samt Schwimmeinheiten im Heustadlwasser und Leckerbissenverabreichung bei Start und Ziel.Wir sind hochzufrieden, der Barolo und ich, er klopft immer schon erwartungsvoll mit dem Schwanz, wenn ich meine sieben Zwetschgen ins Handgepäck stopfe, weil er sicher sein kann, dass sich Frau Gaby mit den roten Haaren bereits im Anmarsch befindet

Die Evaluierung der neuen Teilzeitfreundin meines Hundes (bei Interesse: www.dogwalking.at) spielte sich ungefähr so ab, wie ich mir die Stunde der Wahrheit nach der Aufgabe eines Kontaktinserats vorstelle: Treffpunkt Meierei im Prater, der Hund trimmte die Leine auf Zug weil er sich auf das Eichkatzerl im Meiereigarten freute, hinter dem Stamm eines Kastanienbaums tauchte Frau Gaby auf, sofort ganz entzückt von meinem schwarzen Hund, der seinerseits das Meierei-Eichkatzerl vergaß und die Standfestigkeit der Frau Gaby gleich mit seinen ganzen 35 Kilo prüfte. Die Frau Gaby hielt's aus.Die Tierliebe macht sie stark. Sie liebt alle Tiere, sagte sie, während über dem Kopf des Barolo bereits die roten Herzerln aufstiegen, sie würde, präzisierte sie, "sogar mit einer Vogelspinne" spazieren gehen. Wir wurden, s.o., rasch einig.

 

 

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